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Spey Casting oder Unterhand Wurftechnik?

von Günter Feuerstein

Bernd Czerr, einer der elegantesten europäischen Unterhand Werfer
Bernd Czerr, einer der besten europäischen Unterhand Werfer

 

Wohl in kaum einem anderen Bereich der Fliegenwerferei herrscht eine derartige Konfusion was Begriffs- und Stilbezeichnungen anbelangt wie im Zweihand Bereich. Seit die Amerikaner vor 10 Jahren erkannt hatten, dass Europa im Bereich der Zweihand Fischerei um Lichtjahre voraus war (Zitat Mel Krieger Conclave Idaho 1998) und Mel Krieger die US Fliegenfischergrößen zu einer Aufholjagd aufforderte, begann ein beispielloses Durcheinander. Es wurde alles, was an Informationen irgendwo existierte zusammengerafft, zu Zweihandtreffen (Spey-o-rama,...) aufgerufen und an einem Zweihandwurfprogramm gearbeitet. Was dann jedoch passierte, war nicht im Sinne vieler der Geladenen aus Europa, denn sämtliche Techniken wurden, ohne sie genauer unter die Lupe zu nehmen bzw. zu unterscheiden, unter dem Schlagwort Speycasting vermarktet. Selbst im Zweihandprogramm der FFF wurde verhindert, dass der fortschrittlichsten Entwicklung im Zweihand Bereich, nämlich dem Unterhand Wurf, die entsprechende Bedeutung zukam. Mehr als bei einer Erwähnung der Technik kam es nämlich nicht. Dies hatte auch einen Grund, denn im Hintergrund lief schon die gewaltige Marketingmaschine der US-Industrie, die ebenfalls eingespannt wurde. Der Name Speycasting sollte gepusht werden. Der Kanadier Mike Maxwell war einer der ersten, der an besagter Conclave referierte, an der ich auch zu Gast war und diesen Weg mit Nachdruck vorschlug.  Im Gegensatz zur Technik der alten Schotten und auch der Philosophie von Maxwell ist das heutige Speycasting jedoch weit weg von der Technik der Urväter.
Das dieses Durcheinander, dann jedoch wieder irgendwann auf sie zurückfallen würde, war nur eine Frage der Zeit. Dies passierte auch, denn da wurde doch einem der alteingesessensten Speycaster und Guides in Schottland, der diese Technik seit 40 Jahre unterrichtete von einem Amerikaner, der in Kanada mit dem was die Kanadier unter Speycasting verstehen in Kontakt kam, erbost die Rute aus der Hand genommen und ihm erklärt, er hätte keine Ahnung von Speycasting. Natürlich war das, was der Amerikaner ihm dann zeigte, kein Speycast, sondern die Unterhandtechnik, wie die Kanadier sie dort unter dem Namen Speycasting verpackt werfen. Die Konfusion war perfekt!

Doch wie schaut es wirklich aus und ist die Maschinerie noch zu stoppen? Klar ist jedenfalls, dass hier etwas geschehen sollte und klare Definitionen hergehören, schon deshalb, um der exzellenten Rollwurftechnik der Urväter des Spey Tribut zu zollen und auch ihre Leistungen in der Entwicklung der Zweihandwerferei zu würdigen.

Ich möchte versuchen, etwas Licht ins Dunkel zu bringen und die Stile etwas genauer zu beleuchten. Dabei möchte ich besonders Göran Andersson für seine Ausführungen zu den Techniken bedanken. Kein anderer Zweihandwerfer unserer Zeit, hat vergleichsweise Erfahrungen mit den Techniken.

 


Klassisches Spey Casting


Den Ursprung hatte diese sehr effiziente Technik im 18. Jahrhundert an den großen Flüssen Schottlands. In den Urzeiten der Lachsfischerei wurde praktisch ausschließlich im Überkopfwurf präsentiert. Dabei war man natürlich auf genügend Rückraum angewiesen. Das Präsentieren durch Überkopfwürfe führte jedoch immer wieder zu Problemen, weil der Wind - und davon gibt es in Schottland reichlich - die Fliege gegen den Körper klatschen ließ. Manche versuchten deshalb, die Fliege auf irgendeine Art immer konstant auf die gleiche Länge auszurollen. Damit waren sie jedoch mit dem Überkopfgerät meist wenig erfolgreich. Durch eine stetige Verbesserung des Gerätes (Greenhart Ruten), wurden dann immer bessere Wurfweiten im Rollwurfbereich möglich. Dabei wurden auch Ruten bis 24 ft. Länge verwendet. Das war die Geburtsstunde des Speycasting.

 

Speycasting ist also eine reine Rollwurftechnik und nützt dessen physikalisches Prinzip. Das Schießenlassen der Schnur nach dem Stopp war mit diesen Speyruten (dieser Begriff wurde erst Jahrzehnte später von Rutenbauern aufgegriffen) genauso wenig möglich, wie Überkopfwürfe.

 

Dazu war das Gerät einfach zu weich. Um die lange DT Schnur durch eine möglichst lange Wurfbewegung zu beschleunigen, touchierte die Rutenspitze beim Stopp nämlich praktisch das Wasser. Die Technik eignete sich in Verbindung mit dem dafür konstruierten Gerät hervorragend, um die Fliege in einem langen Rollwurf zu platzieren. Speycasting im eigentlichen Sinne wird heute praktisch kaum mehr verwendet, mit Ausnahme in Schottland und Irland, wo noch einzelne Traditionsbewusste diesem Stil frönen sollen. Ich bin ihr jedoch am Wasser bislang nie begegnet.

 


Die Unterhand Wurftechnik

 

In den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts begann der Schwede Göran Andersson, die Rute konstant früher zu stoppen. Dazu war jedoch eine Anpassung des Geräts notwendig. Er verwendete dazu schnellere Ruten und kürzere Keulen und optimierte das Gerät ständig. Da sein Vater Rutenbauer war, lernte Göran die Kunst des Rutenbaus schon im Jugendalter. Das Einkürzen und Spleißen der Keulen  stellte  gleichzeitig auch den Beginn der modernen Schusskopf-Fischerei dar. Die ersten Schussköpfe wurden von der Firma Loop, bei der Göran Miteigentümer ist, auf dem Weltmarkt eingeführt. Der von Göran entwickelte Unterhand Wurfstil sollte die bis heute bahnbrechendste Neuerung im Zweihand Wurfbereich werden.

 

Bei der Unterhand Technik wurde das physikalische Prinzip des rollenden Balls, das dem ursprünglichen Speycasting eigen ist, durch das Prinzip des Schießens der Schnur wie einen Pfeil ersetzt (ähnlich dem Überkopfwurf).

 

Während mit langen Schnüren die obere Rutenhand den größten Teil der Arbeit übernimmt, da lange Schnüre auch lange Beschleunigungswege benötigen, ist dies beim Unterhand Stil konträr. Die untere Hand ist hier die aktive Hand, während die obere Hand nur das Anheben der Schnur übernimmt und sich dann etwa auf Höhe der Schulter und eng am Körper bewegt und praktisch fast steht. Sie wird nie gestreckt, sondern bleibt auch nach dem Stopp angewinkelt. Einzig bei Verwendung längerer Schussköpfe (beim UH Wurf gewöhnlich nicht über 16,5 m > Platz sparender) beginnt die obere Hand etwas mehr zu arbeiten. Die obere Hand fungiert beim Unterhand Wurfstil im Wesentlichen als Drehpunkt, um den sich die Rute windet. Durch den schnellen und progressiven Einsatz der unteren Hand kommt es  bei dieser Technik zu einem Katapulteffekt, der den Schusskopf ohne großen Aufwand weit fliegen lässt. Zusätzlich ist durch die kurze Keule der Einsatzbereich wesentlich größer. Man kann auch ohne viel Rückraum praktisch alle Stellen im Fluss anwerfen. Ein besonderes Zeichen des Unterhand Wurfstils ist auch das Handshifting. Ein Backhand Wurf besteht also nicht, sondern der Werfer wechselt einfach die Hand. Dies macht diese Technik zur universellsten Technik im Zweihand Bereich. 

 

"Speycaster" werfen oft ein, dass schon in Kelson's Book im 19. Jahrhundert ein Unterhand Wurf erwähnt worden sei, dieser Wurf also schon einmal da gewesen sei. Hier handelt es sich um eine Verwechslung, denn die damals verwendeten sehr weichen Ruten liessen keinen starken Einsatz geschweige denn überwiegenden Einsatz der unteren Hand zu. Genauso verhielt es sich mit den damals verwendeten DT Schnüren. Ausserdem geht es hier nicht um einen Wurf, sondern um die Technik des Schiesenlassens der Schnur wie einen Pfeil. Im Grunde genommen sollte deshalb von der Verwendung des Namens Unterhand Wurf Abstand genommen werden, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Der Begriff Unterhand Technik ist treffender.


Die Long Line Technik – eine Hybridtechnik


Das, was viele heute unter Speycasting verstehen, hat außer dem Namen nichts mehr mit der hervorragenden Wurftechnik der Urväter gemein. Der Name Speycasting wird heute besonders aus Marketinggründen verwendet, die Technik ist jedoch eine Hybridtechnik. Da Göran Andersson auch im englischen Sprachraum aktiv war bzw. Engländer in Skandinavien mit ihm in Kontakt kamen, begannen auch sie man mehr und mehr seine Technik zu kopieren. Seine Nacheiferer nahmen es jedoch mit dem Namen nicht so genau und obwohl sie, wahrscheinlich ohne sich dessen bewusst zu sein, eigentlich komplett verschiedene physikalische Prinzipien zu nutzen begannen, ließen sie nicht vom traditionellen Namen Spey Casting ab.  

 

Was also heute unter Spey Casting verstanden wird, ist eine Mischtechnik, die das Prinzip des Schießens der Schnur wie einen Pfeil des Unterhand Wurfes nützt (also mit Spey Casting nichts mehr gemein hat), jedoch durch die Verwendung von langen Keulen (bis 30 m) einen langen Weg der oberen Wurfhand erfordert.

 

Die dazu verwendeten Schnüre haben ebenfalls nichts mehr mit den Schnüren, die beim ursprünglichen Speycasting zum Einsatz kamen gemein. Dies waren nämlich DT Schnüre, während die heutigen Schnüre weit Weg von diesem Schnurprofil sind. Es gibt auch in Großbritannien reine Unterhand Werfer, die jedoch in ihrem Mutterland ihre Werferei als Speycasting bezeichnen, um nicht den Zorn der Traditionalisten auf sich zu ziehen. Durch diese missbräuchliche Verwendung des Unterhand Stils unter dem Namen Speycasting kam es in der Fliegenfischerszene zu einer großen Verwirrung. Dazu trugen auch Skandinavier bei, die zwar Unterhand warfen, da der Name jedoch geschützt war, in ihren Filmen eine andere Bezeichnung verwenden mussten. Eine Marketingmaschinerie war in Gang gesetzt worden, die es zunehmend schwieriger machte, hier reinen Tisch zu machen und Klartext in Bezug auf Techniken zu sprechen. Was heute also unter Speycasting läuft, wäre eigentlich viel besser als Long Line Technik zu beschreiben und würde, wären nicht geschäftliche und traditionelle Interessen im Spiel, die Technik vollkommen korrekt bezeichnen. Die Vorteile der Long Line Technik, also des Zweihandwerfens mit langen Schnüren im Unterhand Stil (manche nennen es mittlerweile auch Underhand Speycasting) sind bei großen Flüssen zu sehen, wo man tief waten und konstant auf große Entfernung und ohne große Richtungsänderungen(Winkel oft unter 40 Grad) servieren muss und beim Einstrippen im Uferbereich mit keinen Bissen gerechnet werden kann.

Die Technik ist jedoch auf einen großen Rückraum angewiesen und die Präsentation ist eingeschränkt, da lange Schnüre sich nicht für stark gewinkelte Würfe eignen. Da diese langen Bewegungen im Zusammenspiel mit langen Schnüren viel Kraft erfordern, ist der Unterhand Wurf als Kraft sparender zu bezeichnen.

 

 

Skagit


Durch diverse Kurse von Göran Andersson in Kanada (Skycomish) kamen auch die Kanadier mit dem Unterhand Stil in Kontakt. Eine spezielle Technik des fazettenreichen Unterhand Stils, die jedoch im Unterhand Bereich nur in ganz speziellen Situationen zum Einsatz kommt, hatte es einem der Kursteilnehmer angetan. Er erkannte den speziellen Nutzen dieses Wurfes für die Lachs- und Steelheadfischerei mit schwerem Sinkschnüren unter sehr beschränkten Platzverhältnissen. Er kürzte die Keulen nochmals stark nach seinen Bedürfnissen ein und gab dem Wurf einfach einen neuen Namen - das sogenannte Skagit entstand. Durch die sehr kurzen Sink-Keulen und die dem Wasser nicht viel Widerstand gebende Runningline lassen sich damit große, schwere Fliegen nicht nur sehr einfach werfen, sondern auch in Grundnähe sehr langsam präsentieren. Zudem kann damit aus jeder Nische heraus geworfen werden. Die Schnur wird nämlich nicht mehr vom Wasser abgehoben, sondern die fast senkrecht unter der Rutenspitze hängende Keule wird durch eine 8er-Bewegung so vor und zurück geführt, sodass die Fliege schließlich in die obere Wasserschicht gezogen wird, von wo der abschließende Unterhand Wurf dann problemlos starten kann.

 

Skagit ist also genaugenommen keine eigene Technik, sondern eine Variation der facettenreichen Unterhand Technik.